Steffen, Uwe und Grit haben sich rechtzeitig angemeldet, ein wenig trainiert und wollen die volle Distanz in halbwegs würdevoller Haltung auf Inlineskates ableisten. Hier nun der Bericht:
Bei der Herangehensweise haben die Teilnehmer mal wieder völlig verschiedene Ansätze.
Steffen trainiert ohnehin auf seinen ersten Ironman hin. Da fällt so ein bisschen Skaten geradezu
zwangsläufig mit ab. Mit Laufen, Schwimmen, Fahrradfahren hat er sich ein Optimum an Kondition raufgeschafft. Skaten kann er sowieso und so macht er auch seine Ansage: "Dann werd ich heute mal
die 1:45 in Angriff nehmen"
Uwe geht schon etwas zaghafter ran. Er hat am Abend zuvor bei der Berlin-Parade den Asphalt getestet. Sieht echt Scheiße aus, so ne Asphaltflechte. Dennoch ist er gut vorbereitet er hat von uns allen
wohl die meisten Trainingskilometer auf Rollen zurück gelegt: "Ne, aber ne Zeit nehme ich mir heute nicht vor"
Eher besorgt geht Grit an die Sache ran. Sie kommt gerade mal auf etwa 200 Trainingskilometer. Bei etlichen Zeitmessungen hat sie sich ausgerechnet, dass Sie mit Vollspeed gerade mal 2:08
schaffen dürfte. "Man ich bin mal 1:54 gelaufen, heute kann ich mich wohl über 2:14 freuen."
Nun ist Samstag. Die Sonne lacht. Die Temperaturen liegen kurz unter 20 Grad Celsius. Kaum Wind- es ist einfach perfekt. Genau so haben wir das gebucht. Im Startgebiet herrscht eifriges Treiben und ein bisschen Nervosität. Sogar einige Läufer, die erst am Sonntag dran sein werden, haben sich an die Strecke gestellt und zollen den "Nicht ganz so richtigen Marathon-Läufern" ihren Respekt.
Fast 8.000 Skaterinnen und Skater trollen sich in ihre Startblöcke. Im Startgebiet dröhnt laut die Musike. "Hells Bells" (ACDC) haben sich die Verantwortlichen diesmal ausgesucht, um die Startstimmung anzuheizen. Das klappt auch ganz gut. In Abständen von wenigen Minuten werden die "Professionellen Damen" (Wer nur diesen Begriff erfunden hat?) und die Profiskater der Herren, die Speedskater, die ambitionierten Hobbyskater, die ambitionierten, aber nicht ganz so erfolgreichen Hobbyskater und so gegen Ende auch wir auf die Strecke geschickt.
Tosender Applaus auf dem 17. Juni begleitet uns und wir müssen unseren ersten Grundsatz eisern durchsetzen. Nicht so schnell anfangen. Uwe macht das Pace-Car für Grit und versucht die richtige Geschwindigkeit vorzugeben. Aus Gewohnheit von der Berlin-Parade sagt er dabei immer schön die Strecke an: "Vorsicht Gulli .... Kurve rechts.... wieder Gulli" (Es gibt echt ne Menge Gullis in Berlin). Am Ernst-Reuter-Platz dann geht zum ersten mal scharf nach rechts in Richtung Moabit. Zum ersten mal wird die Straße rissig. Doch wir sind noch gut in Schuss und so ist das kein Problem. Nur eins wird deutlich- schon wieder stehen keine Kilometerschilder am Straßenrand. Wir haben also keine Ahnung, ob wir schnell, langsam oder irgend etwas anderes sind. Das ist doof findet vor allem Grit, die gerne nach Zeitplan fährt.
Es geht weiter durch die Straßen Berlins; zurück zum Kanzleramt. Hier wirds zum ersten mal eng, genau in der Kurve. Es geht aber halbwegs gut. Nur Grit bekommt inzwischen zum dritten mal den Skate eines Mitläufers gegen den Schuh geknallt. Laut meckert sie: man ich werd mich hier noch hinpacken ... eine prophetische Ankündigung!
Inzwischen läuft das Feld auf die erste Anhebung zu. Zwischen der Charité und dem Bundestagskindergarten ist eine Brücke zu queren. Noch ist das aber kein Problem und so genießen wir die leichte Abfahrt in die Reinhardtstraße umso mehr. Auf der Friedrichstraße wirds dann schmal. Die Strecke ist links und rechts mit unglaublich viel Publikum gesäumt, die auch jetzt noch fleißig applaudieren. Schließlich dürften die Spitzenleute schon vor ner guten halben Stunde durch sein.
Die Torstraße wartet dann mit ziemlich ausgefahrenen Fahrspuren auf. Für einen effektiven und raumgreifenden Skaterschritt ist das nicht unbedingt optimal, aber die Stimmung ist hervorragend und das Publikum äußerst gut gelaunt.
Auf der Mollstraße dann passiert das Drama. Grit reißt die Arme hoch, schleudert dabei Ihre Trinkflasche gute 3 Meter in die Luft und schmiert nach hinten ab und knallt auf Po und Hinterkopf. Ne Sekunde später schlägt die Trinkflasche gute 5 Meter entfernt ein.
Warum? Keine Ahnung! Die Straße ist eben, die Konkurrenz hält Abstand. "War wohl skaterisches Unvermögen"; wird sie später konstatieren. Doch zum Glück gibts die Helmpflicht. So dreht sie sich erst einmal auf die Knie. Doch nun folgt eine lange Pause eine gute Minute pulsiert das Herz wie wild und der Atem findet keine Ruhe. Grit hockt wie benommen auf dem Asphalt. Ist noch alles dran? Wie soll sie aufstehen? Soll sie nach Hause fahren? Abbrechen? HimmelherrgottunddieandereParteinochmal, tut das weh!
Uwe kommt zurück. Er warnt die nachfolgenden Skater und sammelt die Trinkflasche ein. "Hast ne Weile ganz schön Scheiße ausgesehen", wird er später sagen. Langsam findet Grit wieder Ihre Mitte. Sie rappelt sich auf. Von Aufgeben keine Spur mehr, aber eine Folge zieht sie schon. "Uwe fahr mal vor, ich mach weiter, aber laaangsam!" Und tatsächlich Uwe zieht mit großen Schritten davon und Grit tippelt mit deutlich kleineren Schritten hinterher.
Die Strecke verläuft weiter über den Straußberger Platz hin zur Heinrich-Heine-Straße und zum Kotti. Der ist wieder voll mit Menschen. Am Rande stehen Gruppen mit Kopftuchbekleideten Muttis, die allesamt ihren Kinderwagen an die Strecke gebracht haben. Eine Bande kleiner türkischer Mädchen stehen am Rand und brüllen aus vollem Halse: "Deutschland gewinnt". Wir sind gerührt. Also um Integration müssen wir uns hier keine Sorgen mehr machen.
Übern Herrmannplatz dürfen wir nicht, also gehts über den Umweg Gräfestraße. Dort steht der erste Zuschauerposten; auch ein Bekannter, der Grit im Anschluss den schönen Spruch mitgab: "Also an der Stelle hab ich etwa bei einem Viertel der Leute gedacht, die schaffens nicht - und Du hast dazu gehört" - Schönen Dank auch!
Doch das erste Ziel rückt nahe Gneisenaustraße- Yorkstraße. Am Ende liegen die gefürchteten roten Matten, die wir überrollen müssen, aber die haben auch eine Bedeutung - HALBZEIT! 21-Komma - Haumichtot km sind geschafft und wir können die Zwischenzeit nehmen... und die machen Mut: Steffen liegt knapp über 52 Minuten, Uwe ist immer noch unter 57 Minuten und Grit trotz unfreiwilligem Zwischenstopp auch noch unter der 58-Minuten-Grenze. Wir sind alle gut unterwegs.
Das beschwingt nun die nächsten Kilometer. Entlang der Martin-Luther-Straße gehts nach Schöneberg. Bei Kilometer 25 gibts dann den ersten Hänger und den trifft- man sollte es kaum glauben - den Steffen. Gerade bis hier ist es schon ein gutes Stück Weg, aber das Ziel ist noch weit, offensichtlich gibt es da schon mal ne Motivationskrise. Steffen schmeißt ein Energiegelpäckchen ein und rafft sich wieder auf. Beim Anstieg zum Wilden Eber ist er wieder voll gut drauf. Auch Uwe und Grit, meistern den Anstieg erstaunlich gut. Schließlich soll oben die berühmte Sambatruppe warten- aber irgendwie hat die heute schon Feierabend. Was solls, jedenfalls gehts erst mal bergab.
Der Hohenzollerndamm zieht sich ganz schön hin. Das Publikum ist hier auch etwas spärlicher verteilt. Trotzdem finden sich immer wieder einige Gruppen, die die Motivation heben. Auf dem Fehrbelliner Platz tobt der Mob, obwohl die Skater jetzt schon deutlich spärlicher kommen. Grit hat jetzt etwas Zeit, sich etwas mehr ihrer mitgebrachten Marathon-Musik zu widmen. Zunächst fordern Lemmy und Ossy "You'd better run". Das macht sie dann auch. Oh Zufall, und just in dem Moment, als Grit eine Dame mit auffälligem Blütenmuster auf dem T-Shirt als Lok benutzt, setzt Jonny Cash mit seinem "Orange Blossom Special" an. Da schadet es auch nicht, dass Grit gerade überhaupt keine Ahnung hat, wo sie in etwa ist. Bis in der Entfernung ein lang vermisster Freund auftaucht. Ein Kilometerschild mit ner großen 31 drauf - Jaaahhh 3/4 sind geschafft!
Am Wittenbergplatz dann steht Anja. Uwe sieht sie noch im Vorbeirollern, aber es ist zu spät. Grit wird von Anja noch rechtzeitig erkannt. Anja brüllt aus Leibeskräften. Ein kurzer Gruß und weiter gehts. Später wird Anja sagen, Steffen und Uwe hätte sie jeweils etwa drei mal gesehen ... naja die waren alle so schnell und sahen alle so ähnlich aus...
Doch jetzt wirds langsam hart. Die Kondition lässt nach. Am Reichpietschufer gehts auch noch ne Brücke hoch. So langsam merkt man die Kilometer. Doch nun gibts ein weiteres Highlight- der Potsdamer Platz. Hier stehen wieder Massen und jubeln auch noch den Nachzüglern zu. Wir überrollen die Bekannte Kopfsteinpflasterlinie und sind wieder im Osten.
Grit quittiert das mit einem Fluchen. Die Leipziger Straße ist grausam. Aufgerissener Asphalt, elendig tiefe Spurrillen, Teerflicken und ständig wechselnder Belag dazu weiche Knie und ne Zunge, die bis zum Hals hängt machen diese Strecke zu einer Tortour.
Zum Glück müssen wir hier nicht bis zum Ende durch. Kurz nach Links, Richtung Gendarmenmarkt- dann schneiden wir auch noch ein gutes Stück Unter den Linden ab (auch hier ist der Straßenbelag Skaterunfreundlich) und vorne leuchtet das Brandenburger Tor. Noch ein paar Meter und wir haben es geschafft.
... und? ja wir sind alle ins Ziel gekommen. Steffen hat mit 01:44.51 seine Zeit erreicht. Uwe mit 02:00:34 - wohl wegen Grits Sturz - nur knapp die 2-Stunden-Grenze verfehlt und Grit immerhin noch mit 02:03:24 eine Zeit hingelegt, die ihre Erwartungen deutlich übertroffen hat.
Es war mal wieder genial. Wir sind geschafft und werden uns morgen mal einfach gar nicht bewegen.
Ach ja, die Geschichten von der Vorbereitung haben wir hier ins Netz gestellt: