Meist ist es ja so, dass der Trainingplan es von einem verlangt, dass man sich morgens noch bevor es eigentlich nötig ist aus dem Bett schält. Dann hüllt man sich lustlos in die Laufsachen und steckt den Finger aus der Haustür. Brr ist das kalt, ich will wieder ins Bett. Erst wenn man die ersten ekligen 10 Minuten überwunden hat, fägt der Lauf an erträglich zu werden und der Rest des Tages ist halbwegs gerettet. Doch es gibt Tage, da ist das Laufen von der ersten Minute an ein Genuss. Von so einem Tag will ich berichten:
Man stelle sich vor, es ist die Zeit um den Jahreswechsel. Gerade habe ich die üblichen Weihnachtsbesuche erledigt und fahre - weil ich es wirklich nötig hatte - mal für ein paar Tage weg; an die Ostsee. Selbstverständlich war ich mit Leuten unterwegs, die mich nur verständnislos ansehen, wenn ich morgens meine Laufklamotten auspacke und mich noch vor dem Frühstück durch die Pampa trolle.
Dann kommt auch noch das neue Jahr, die guten Vorsätze schließen das "Dieses Jahr will ich aber regelmäßig trainieren" quasi wie selbstverständlich mit ein. Ich bin jedenfalls frisch motiviert und will das auch gleich in die Tat umsetzen. Den Wecker stelle ich auf 7:30 - früher ist sinnlos, weil es da noch dunkel ist. Später ist blöd, weil es nur Frühstück bis um 10:00 Uhr gibt.
Pünktlich um 8:00 Uhr trete ich vor die Tür. Es ist bitterkalt. Am Horizont lässt sich die Sonne erahnen. Ein paar Wolken sind unterwegs nicht zu viele. Ich trabe den Weg zum Strand hoch, über die Dünen. Dort liegt die Ostsee vor mir, wildromantisch; ein paar Wellen brechen sich am Strand. Es ist fast keiner da. Der Sand ist eben und hart gefroren. Das ist ein exzellenter Laufuntergrund. Nur an einigen Stellen direkt am Meer ist es etwas glatt.
Es geht los in Richtung Westen. Der Himmel fäbt sich rosa. Hinter den wenigen dunklen Wolken erhebt sich die Sonne über den Horizont. Sie ist gleißend hell, hat aber keine Kraft. Doch mit jedem Zentimeter,den sie an Höhe gewinnt, steigt die Stimmung. Tapp, Tapp, Tapp. Der Puls ist in Bereichen, wie sie im Lehrbuch stehen. Ruhig und friedlich. Ein Läufer kommt mir entgegen. Er grüßt kurz und dann entspannen sich seine Gesichtszüge. Ihm geht es ähnlich. Gemächlich laufe ich bis zum nächsten Kurort. Was denn schon da? Na dann weiter. Der Strand wird richtig einsam. Doch wieder ein Läufer, diesmal von hinten. Auch er grüßt im Vorbeilaufen kurz mit der Hand. Ein Spaziergänger spielt mit seinem Hund. Doch ins Wasser will das Vieh nicht, nicht einmal, wenn der Stock in den Wellen verschwindet. Kein Wunder. Am Rand des Wassers, dort wo die Wellen nur gelegentlich hinspühlen liegt ein schmaler Streifen kristallinen Wassers. Das Wasser muss eisig sein.
Nach einer halben Stunde mache ich kehrt und laufe nun der Sonne entgegen. Der Puls bleibt ruhig, doch aus dem Bauch heraus drängt eine Euphorie empor, die sich mit nichts beschreiben lässt. Endlich mal wieder Sonne. Voll ins Gesicht. Das ist Urlaub im Extrakt. Hochkonzentrierte Erholung und plötzlich vergesse ich den ganzen Mist, der mich zu hause wieder erwarten wird. Ich bin allein mit mir, der Sonne und der Ostsee. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Zustand der absoluten Zufriedenheit. Nichts tut weh, alles ist im Gleichgewicht.
Langsam kommen mir auch ein paar Stockträger entgegen. Ich grinse in mich hinein: Son Mist wieda, nix für Ski - die ham hier wohl jestreut!
Mit diesen Eindrücken schwebe ich zurück uns Hotelzimmer. Unter der Dusche wird der Körper wieder auf Normaltemperatur gebracht. Der Tag wird mit einem weiteren Ostseespaziergang, einem Saunabesuch und einem köstlichen Abendessen abgerundet. Sowas nenn ich Urlaub.