Es ist Frühling und als erstes steht ein besonders wichtiger Termin in unserem Laufkalender. Der Vattenfall-Halbmarathon Berlin 2009. Ehrensache, dass auch hier wieder einige Leute antreten und das Ziel erreichen wollen.
Dabei sah es zuerst gar nicht so gut aus. Gemeldet waren drei Rollkommandanten - nur drei ... und kurz zuvor holt sich Uwe von einem Arzt ein No-Go oder besser ein No-Run. Fuß kaputt, entzündet und geschwollen. Zweckoptimistisch stellt er fest, dass er sich nun ein paar Clownsschuhe gekauft hat, damit er sich überhaupt fußwärts bewegen könne.
Steffen schaut auf eine verletzungsbedingte etwas längere Winterpause zurück. Auch keine Voraussetzung für Spitzenzeiten. Doch die Teilnahme lässt er sich nicht nehmen.
Grit hat es mal mit ausgiebigem Training versucht. Den ganzen Winter durch wurden 3 manchmal sogar vier Einheiten pro Woche absolviert. Bestform sieht aber trotzdem anders aus, meinte sie. Irgendwie zwickt und ziept es überall.
Es ist also Sonntag. Nach einem kurzen Regenschauer in den frühen Morgenstunden linst die Sonne unter einer Dunstglocke hindurch. 13 Grad sind angesagt. Leichter Wind, aber eigentlich ist es genau das Wetter, was wir gebucht haben. So geht es an den Start. Die Aufregung ist groß.
Drei, zwei, eins Start - naja es dauert geschlagene 10 Minuten bis Grit und Steffen die Startlinie passieren dürfen und loslegen. Zunächst tragen die Zuschauer die beiden auf die Strecke. Nach etwa 300m spürt Grit schon die Füße schmerzen. Verdammte Socke noch mal! Bitte nicht schon jetzt!
Doch irgendwie ist es noch nicht die rechte Zeit zum Aufgeben. Zumal schon gefühlte 200 m später schon das erste Kilometerschild auftaucht. Man die stehen heute gar nicht so weit auseinander?! Hat da jemand die Strecke verkürzt? Bestimmt nicht, also bleiben wir in der Spur.
Es ist Zeit für eine erste Studie der Mitkämpfer. Was hier nicht alles unterwegs ist: Die Sprüche auf den T-Shirts kennt man ja inzwischen: "Wenn Du das hier liest, bin ich nicht Letzter" (Was ist mit dem Besenwagenfahrer?) oder Werbung für Baubüros, Kfz-Werkstätten oder auch Anwaltskanzleien. Jungs seid mal ehrlich, welcher der Mitläufer erinnert sich am Ende noch, was er auf dem T-Shirts gelesen hat ... sogar Spendenaufrufe für entfernte russische Städte fanden sich auf den Shirts, selbstverständlich auch Klub-Aufdrucke von Sportvereinen rund um die Welt - oder wenigstens quer durch Europa. Selbst wenn man die Augen schloss konnte man das babylonische Sprachgewirr nicht ignorieren.
Doch etwas fiel auf: Sag, mal gibt es hier keine Modepolizei? Neuester Schrei dieses Jahr sind eine Art orthopädische Kniestrümpfe - natürlich in Schwarz. Zusammen mit den frühlingshaften quarkweißen Beinen, die dort rausragten und wahlweise viel zu weite oder sogar viel zu enge Hosen gab dies ein jämmerliches Bild ab. Nee, aber von Hinten werden ja keine Zielfotos gemacht. Wahrscheinlich hatten die Stil-Ikonen recht, wenn ihnen der Anblick, den sie von hinten abgeliefert haben egal war.
Die meisten waren aber anständig mit T-Shirts in jeglicher Ausführung teilweise sogar richtig teuren Laufsachen bekleidet. Fahrradhosen, Triathleten-Klamotten oder auch Rudereranzüge mischten sich darunter, taten aber auch ihren Dienst. Kniebandagen in allen Ausführungen, sogar Kinderwagen...
Wir laufen in den Tiergarten. Diverse Sportler schlagen sich in die Büsche. Aus der vorbeilaufenden Menge ruft jemand "Eh, Orange ist keine Tarnfarbe". Schadenfrohes Gekicher begleitet die Weiterlaufenden, die ihre Blase rechtzeitig vor dem Start entleeren konnten.
Kurz hinter Kilometer 2 wird Steffen von einer Bekannten aufgegriffen. Grit nutzt dies dankbar, um das Tempo zu reduzieren. 6.30 Min auf den Kilometer waren für den Anfang doch nicht so optimal. Die Beine sind jetzt schon schwer- man, was soll das werden. Nach den ganzen Taktik-Tipps im Internet soll man ja ohnehin etwas langsamer angehen. Also Gang zurück, während Steffen etwas anzieht. Für ihn sind die 6.30 erst mal kein Problem.
In Höhe S-Bahnhof Tiergarten brummt die Stadt. Zuschauer noch und nöcher. Wahrscheinlich sind sie gerade dem Trödelmarkt entkommen und schauen sich die eigentliche Attraktion an. 21 Tausend und noch ein paar mehr Läufer, Läuferinnen und auch andere Sportler traben gutgelaunt und noch verhältnismäßig frisch vorbei.
Nach dem Ernst-Reuter wird es n bisserl langweiliger. Die erste Wasserstation bei 6 km wird dankbar angenommen. Es ist jedes Mal verblüffend, mit welchem Eifer die vielen fleißigen Helfer für genügend Getränke sorgen. Denke erst mal, ihr habt mich und bestimmt auch ein oder zwei andere gerettet.
In Höhe Amtsgericht Charlottenburg geht es auf die 10 km zu. Ein Blick auf die Uhr verrät Grit, dass sie genau so schnell unterwegs war, wie vor zwei Jahren. Das wird wohl nichts mit der erträumten Bestzeit. Egal, dann macht sie eben aus Spaß weiter. So langsam automatisiert sich der Schritt.
Der Ku'Damm ist wieder elendig lang. Am Rand steht Uwe - mit gut belüftetem Schuhwerk und animiert das Publikum zu Höchstleistungen. Schwer ihn zu übersehen. Er gibt uns ein paar Durchhalte-Parolen mit auf den Weg.
Am KaDeWe wollte Anja stehen. Grit hat ihr gesagt, dass sie zwischen 11.45 Uhr und 12.00 Uhr dort vorbei kommt. Man da hat sie sich aber grob verschätzt. Es ist fast halb 1 und Anja sitzt wahrscheinlich schon wieder hinterm Schreibtisch. Schade, aber etliche hundert andere Zuschauer stehen an der Strecke und machen ordentlich Rabatz.
Es geht weiter durch die weltschönste deutsche Bundeshauptstadt. Zwischen die Samba-Bands mischen sich inzwischen auch andere Musikrichtungen. Eine Gruppe orgelt "YMCA", eine nette kleine Popgruppe am Reichpietschufer begeistert die Vorbeilaufenden ganz erheblich und erhält massiv Beifall. In Kreuzberg wird es psychedelisch. Man glaubt die legitimen Nachfolger der Doors an der WIlhelmstraße zu vernehmen und Ecke Friedrichstraße la-ola-t das Publikum sogar. Ein kurzer Blick macht die Ursache aus. Da steht der Uwe und feuert statt den Läufern das Publikum an. So ein Schelm aber auch.
Trotzdem hat er noch Zeit individuelle Informationen zu übermitteln. "Das sieht gut aus, die anderen sehen deutlich schlechter aus". Und tatsächlich so langsam beginnt Grit von dem gedrosselten Tempo in der Mitte zu profitieren. Einer nach dem Anderen wird hier überholt. Moment mal, sonst wartet doch hier der Hammermann. Wo bleibt der Lump heute? Sollte es sich etwa doch ausgezahlt haben, ordentlich zu trainieren?
Die Beine fühlen sich an, als gäbe es nach vorn und nach hinten eine Art Anschlag. Größere Schritte gehen absolut nicht. Aber zwischen diesen beiden Punkten läuft mittlerweile alles automatisch. Keine Schmerzen, kein gar nichts - einfach nur Automatismus. Das ist gar nicht so übel, denn das was läuft fühlt sich gar nicht so langsam an.
Mit dieser Feststellung geht es auf die letzten Kilometer. Vor dem Ziel geht es noch mal bergauf- Gertraudenbrücke. Gefürchtet und verflucht! Grit hat sich aber im Friedrichshain immer zum Schluss ihrer Runde den Bunkerberg gegeben. Dagegen ist das hier Hochsommergrillen. Locker wird an den marschierenden und langsam vor sich hinstrauchelnden Teilnehmern vorbeigelaufen ... Na ja ein Blick auf die Puls-Uhr lässt um die 190 vermuten, aber da um die Ecke ist das Ziel. Schlussspurt! Dort steht ein Bogen über die Straße und das Tempo wird noch mal angezogen. Zeitgleich mit dem Stadionsprecher muss Grit aber feststellen, dass dieses Verd...-Sch...-Verflixt-und-noch-was-Dingens gar nicht das Ziel ist. Für diese letzten hundert Meter reicht der Sprint dann doch nicht, also kurz runter, um dann 30 Meter vor den Ziel noch die letzten müden Kämpen platt zu machen.
Geschafft! In jeder Hinsicht!
Und die Ergebnisse: Steffen lag im erklärten Zielbereich. Grit hat die angestrebten 2:20 nicht geschafft, sich aber doch um 3 1/2 Minuten verbessert. Das Training hat doch was gebracht. Keine Fabelzeit, aber der Hammermann lässt sich auch hinter dem Ziel nicht blicken. Wo bitte können wir uns zum nächsten Lauf anmelden?