Ein Monat war Pause und nun trafen sich einige Rollkommandanten am Samstag 04.08.2007 zum 10-km-Lauf bei der City Night in Berlin. Bei diesem denkwürdigen Sportereignis prallten drei völlig verschiedene Trainingskonzepte aufeinander.

Uwes Varainte nennen wir mal die Fahrplanmethode. Er hat sich schon vor Monaten von einem Sportarzt untersuchen lassen, sich den idealen Trainingspuls ausrechnen und perfekte Trainingsprogramme schreiben lassen. Doch nicht genug dieser Vorbereitung. Er hat sie auch Tag für Tag und Woche für Woche in die Tat umgesetzt. Das bedeutet drei bis vier mal die Woche rein in die Laufschuhe, egal bei welchem Wetter und Gemütszustand. Gut vorbereitet geht er in den Wettkampf bewaffnet nur mit dem altbewährten Spezialgetränk aus Zitronensaft und einigen anderen geheimen Zutaten, die er bei der Tour de France jedoch alle ohne Gewissensbisse auf den Tisch legen dürfte.

Steffens Variante lässt sich wohl am besten als die Schaun-mer-ma-Variante beschreiben. Er trifft sich regelmäßig mit einem Nachbarn, ist mit Hightech ausgerüstet, die ihm neben seinem Puls der Zeit auch noch Geschwindigkeit, gelaufene Kilometer, verbrauchte Kalorien und wahrscheinlich auch noch Luftfeuchtigkeit, Temperatur und das Wetter der kommende Woche angezeigt. Dafür geht es nicht immer streng nach Plan, sondern eher nach gefühlter Tagesform zu. Nach dem Training wird mittels Hightech der Trainingserfolg ausgewertet. Beim Wettkampf holt er sich die notwenige Kraft aus Powerriegeln und Power-Gels für Hochleistungssportler.

Grit dagegen verfolgte in Vorbereitung auf diese Event die Bloß-mal-sachte-Methode. Nach dem Airport Run verdiente sie sich erst mal ne Woche Füße hochlegen. Danach war schlechtes Wetter und in der kommenden Woche wurden tatsächlich ein oder zwei lockere Läufchen absolviert. In der Woche vor der City-Night lief dann das Schonprogramm, also wieder Füße hoch. Ihr Doping beinhaltete diesmal Heuschnupfennasenspray, Immodium Akut und als besonderes Highlight: eine Banane und zwei Espressos für die Leistungsfähigkeit.

So unterschiedlich vorbereitet treffen sich also die drei Rollkommandanten an der Gedächtniskirche, ausgerüstet mit Turnschuhen und Laufklamotten (wir haben noch immer keine Einheitstrikots fänden aber mittlerweile schwarz-weiße-Blockstreifen recht passend- ob die JVA so was liefern kann?). Uwe ist wie immer guter Dinge. Grits Ansage, sich der Stundengrenze nähern zu wollen, fixt ihn an. Eine Stunde - also 6 Minuten pro Kilometer das klingt nach ner Herausforderung. Steffen zieht sich den letzten Energieriegel rein, während Grit schon mal aufgeregt Richtung Startlinie linst.

Pünktlich sind wir am Start. Aufregung macht sich breit. Die Espressos bei Grit wirken schon lange. Hibbelig tänzelt sie von einem Schuh auf den anderen. Der Start verzögert sich. Grund genug, um mit den neu gefundenen Freunden im Starterfeld noch ein paar Pläuschchen zu halten. Schließlich wird man sich ja gleich wieder aus den Augen verlieren.

Spannungsmusike und aufgeregtes Jubeln im Starterfeld. Das muss der Start gewesen sein. Vorbei an Schildern, die die Starter in "Unter 60-min-Läufer", "Unter 55 Min-Läufer" und sogar in "Unter 40-min-Läufer" einteilen, trottet jeder einzelne Läufer zur Startlinie. Auf selbiger findet eine interessante Wandlung statt. Der eben noch eher bummelige Spazierschritt fällt in einen freudig hüfenden Laufschritt. Die Gesichter beginnen gespannt nach vorne zu blicken und das eine oder andere Lächeln huscht über die noch sehr entspannten Antlitze.

Jetzt gilt es, das richtige Tempo zu finden und dabei weder den Nebenmann aus der Bahn zu schubsen, noch dem Vordermann in die Hacken zu latschen. Beides gilt in Läuferkreisen als unfair und im Zweifel sieht man sich auf dem Weg zur Ziellinie mindestens zweimal. Konzentration! Lange Schritte und dabei den Puls so weit wie möglich unten halten, so werden Bestzeiten gerannt. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Man ist ja noch frisch und hüpft an den ganzen lahmen Enten vorbei ...

Nach dem ersten gefühlten Kilometer steht das erste Schild am Rand. Eine Große "6" ist darauf. So ein Mist! Das ist erst das Schild für die zweite Runde. Das Schild mit unserer "1" drauf ist gute 500 m weiter und noch gar nicht zu sehen. Hier ist der Punkt, sich zum ersten mal zu fragen, ob man nicht doch vernünftigerweise in eins der anliegenden Lokale einkehren und die ganze Sporttreiberei den anderen überlassen sollte.

Prinzipiell gibt's nur einen Umstand der uns auf der Strecke hält. Auf dem Ku' Damm ist die Hölle los. Tosender Zuschauerapplaus, eine Samba-Truppe neben der anderen und ein Haufen erwartungsfroher Gesichter. Gut wir wollen sie nicht enttäuschen. Tapfer wird bis zum ersten Kilometer-Schild durchgelaufen. Zeit prüfen! O.K. ganz schön schnell. Puls checken. Hui ui jui!

Irgendwie schaffen wir es alle bis zum Kilometer 3. Die dort liegende erste Sportlertränke wird noch gelassen ignoriert. Vielmehr richtet sich der Fokus nun auf die Nebenstraße, in die wir gleich Richtung Kantstraße abbiegen. In Ku-Damm-Nähe stehen noch jede Menge Leute, doch je dichter wir an die Kantstraße kommen, desto ruhiger wird es. Hier meldet sich eine innere Stimme, die deutlich darauf hinweist, dass es ja noch sooo weit ist. Diese Erkenntnis ruft eine gefährliche Verlockung hervor - Waffen strecken - befiehlt das Hirn. Statt dessen wird aber nur das Tempo gedrosselt.

Doch auch die Kantstraße hat ihre Highlights. Von einem Balkon toben drei junge Leute begeistert und feuern die Leute an, als wären sie zu zwanzigst. Unten im Lokal lassen sich die Gäste und sogar der Oberkellner anstecken und jubeln mit. Danke Jungs! Das hat mir sehr geholfen!

Weiter geht's die Kantstraße runter. Von meiner linken Schläfe kriecht eine Schweißperle runter zu meinem Kinn. Verdammt warm hier, macht mal einer die Heizung aus? Links passieren wir ein Geschäft, das Zweitfrisuren anbietet. Jetzt weiß ich, es könnte auch schlimmer kommen.

Glücklich aber eigentlich schon völlig knülle kommen wir kurz nach der Hälfte wieder zurück auf den Ku'Damm. Hier müssen wir eigentlich nur noch mal kurz hoch laufen und dann noch mal zurück und schon, sind wir da! Doch dieser Abschnitt bietet eine ganz fiese Hürde. Wie wir so den Ku'Damm hochlaufen, sehen wir die schnellen Hasen uns auf der anderen Seite entgegen kommen. Uns trennt nur ein Kopfsteinpflasterstreifen von wenigen Metern und ganz besonders fies: Es ist weder eine Absperrung noch Personal vorhanden, was uns davon abhalten könnte, schnell mal eben über den Streifen zu schleichen und dann schon auf der Zielgeraden zu sein.

Einziges Goodie ist, dass mit dem Abbiegen auf den Ku'Damm schlagartig wieder der Geräuschpegel und damit auch die Stimmung in die Höhe geht. Unmengen von Leuten sind noch immer nicht nach Hause gegangen und feuern uns ununterbrochen an.

Die Sambabands stehen auch noch an jeder Ecke und trommeln was das Zeug hält. Ich denke mir, vielleicht ist ja an der Wendeschleife eine Zeitmessung und erinnere mich daran, dass ich wirklich bis hinten laufen sollte.

Nun kommt der längste Kilometer der Strecke. Wir sind schon fast den gesamten Ku'Damm entlang. Das 7-km Schild ist elendig weit hinter uns, das 8-km Schild war auch auf der Gegenseite schon sichtbar, aber die Wende kommt und kommt nicht. Trab, trab, trab ... Ah da ist ne Kreuzung, nee, das ist es noch nicht ... gut, bestimmt die nächste Kreuzung ... WAAAS?! Auch noch nicht?! ... na dann kann es ja nicht mehr weit sein ... und schon wieder eine Kreuzung, aber kein Anzeichen von einer Wende ... kurz bevor ich den Berliner Ring in hörbarer Nähe wähnte, gabs dann doch das Zeichen zum umkehren (übrigens ohne Zeitmessung). Wir durften zurück zu dem mittlerweile wieder in grausamer Entfernung befindlichen 8 km Schild.

Am Schluss waren wir uns alle sicher, dass dieser Kilometer von den Veranstaltern künstlich in die Länge gezogen worden sein muss.

Doch vergessen wir nicht, dass nun der schöne Teil folgte. Wir waren auf dem Heimweg! Auf der anderen Straßenseite liefen die, die noch langsamer waren ... befriedigt stellte wohl jeder fest, dass da noch einige Leute kamen (und wenn's nur die Walker waren ;-)). Das ließ auch darüber hinwegblicken, dass ich mittlerweile von einer erschreckenden Anzahl von Läufern einfach so mal abgekocht wurde. (Tja, man sieht sich immer zweimal) Doch es war noch zu früh für den Endspurt. Also sachte ...

Halb im Delirium halb in freudiger Erwartung des Zieltaumels gingen die letzten Kilometer irgendwie auch noch rum. Je nach Verfassung gönnte sich der Eine oder Andere noch einen Schlussspurt oder auch nicht!

Nun zur Auswertung der Ergebnisse. Steffen hat die ins Auge gefasste Zielzeit geknackt. Er meinte, aber es wäre verdammt hart gewesen. Uwe stand lächelnd und fröhlich im Ziel, war deutlich mehr als 3 Minuten unter der Stunde geblieben und hat bewiesen, dass vernünftiges Training Berge versetzen kann. Grit kam zwar nicht ganz mit der erhofften Zeit, aber auch nicht gerade unglücklich ins Ziel. Einen Vorteil hatte die Füße-hoch-und-Espresso-drauf-Methode schon: Die Beine waren gut ausgeruht und wurden nicht schwer und noch im Ziel wirkte das Koffein dermaßen, dass sie die wie immer treu zum Publikum gehörende Kollegin Sonja - ob sie wollte oder nicht - noch für gute 90 Minuten mit Geschichten von und neben der Strecke zutextete.

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